Eine Gebrauchsanweisung für Stuttgart-Süd: Sag mir wo du wohnst und ich sag dir wer du bist
Wir verraten dir, was deine Postleitzahl wirklich über dich aussagt und wo du die besten Ecken deiner Nachbarschaft entdeckst. Eine nicht ganz klischeefreie Gebrauchsanweisung für Stuttgart Süd.
Was dein Stadtteil über dich verrät
Stuttgart fühlt sich oft weniger wie eine klassische Großstadt an. Dafür ist der Kessel viel zu kleinteilig. Stattdessen wirkt die Stadt eher wie ein Zusammenschluss vieler kleiner Paralleluniversen, die sich zufällig dieselben U-Bahn-Linien teilen. Denn tatsächlich hat fast jeder Stadtteil hier seinen ganz eigenen Charakter. Und die Menschen identifizieren sich erstaunlich stark damit.
Wer in Stuttgart fragt: „Und, wo wohnst du eigentlich?“ meint oft auch ein bisschen: „Ah okay. Was für ein Mensch bist du also?“
Natürlich sind das alles Klischees. Aber wie bei jedem guten Klischee steckt eben auch ein kleines bisschen Wahrheit drin.
Der Süden
Der Süden fühlt sich an wie das große Wohnzimmer Stuttgarts. Vielleicht liegt das am Marienplatz. Vielleicht aber auch daran, dass hier irgendwie ständig alle gleichzeitig unterwegs sind.
Kaum irgendwo sonst trifft man so viele unterschiedliche Menschen auf so engem Raum. Studierende, Familien, alte Heslacher Originale, Kreative, Feierabendbier-Gruppen, Menschen mit Rennrädern für mehrere Monatsmieten und Leute, die eigentlich nur schnell Eis holen wollten. Sobald das Wetter mehr als 14 Grad erreicht, verwandelt sich der Marienplatz sowieso komplett. Dann sitzen Menschen mit Pizza, Aperol, Bier oder Eis auf jeder freien Fläche und tun so, als wäre man eigentlich in Südeuropa und nicht mitten in Süd-Stuttgart.
Und natürlich stehen vor der Gelateria Kaiserbau gleichzeitig ungefähr halb Stuttgart und mindestens drei Kinder kurz vor dem emotionalen Zusammenbruch, weil die Schlange einmal quer über den Platz reicht. Trotzdem wartet man. Weil es sich halt irgendwie lohnt.
Generell funktioniert der Süden erstaunlich gut darin, Alltag sehr gemütlich aussehen zu lassen. Freitags auf dem Biomarkt am Marienplatz einkaufen, danach noch „kurz“ einen Kaffee holen und anschließend zufällig den halben Bekanntenkreis treffen gehört hier praktisch zum Wochenprogramm. Rund um die Tübinger Straße, zwischen kleinen Läden, Bars, Cafés und Secondhandshops wird gebummelt, getrunken und sehr konzentriert People Watching betrieben. Viel mehr passiert eigentlich nicht. Aber genau deshalb funktioniert die Gegend so gut.
Wer im Süden wohnt, behauptet außerdem seit ungefähr drei Jahren zuverlässig: „Diesen Sommer gehe ich wirklich öfter hoch auf die Karlshöhe.“ Tatsächlich passiert das dann meistens genau zweimal. Und spätestens nach den ersten drei Minuten bergauf wird die Entscheidung kurz intensiv hinterfragt. Oben angekommen wird dann komplett verschwitzt die Aussicht genossen und so getan, als wäre der kleine Aufstieg völlig entspannt gewesen.
Noch schöner wird der Kontrast eigentlich nur mit der Zacke. Während unten auf dem Platz noch Aperolgläser klirren, fährt die kleine Zahnradbahn ihre Fahrgäste seit Generationen die Weinsteige hinauf Richtung Degerloch. Und wer noch weiter raus will, steigt am Südheimer Platz in die historische Seilbahn. Der sogenannte „Witwen-Express“ fährt seit fast hundert Jahren hoch zum Waldfriedhof und direkt hinein in die nächste komplett absurde Stuttgart-Erfahrung: Gerade eben noch Großstadt, vier Minuten später plötzlich Waldruhe und kühle Luft.
Unsere Tipps aus der Redaktion
Lapidarium
Eine dieser Ecken, die selbst viele Stuttgarterinnen erst viel zu spät entdecken. Versteckt unterhalb der Karlshöhe liegt zwischen alten Bäumen, historischen Steinfragmenten und verwunschenen Wegen plötzlich eine kleine Ruheinsel mitten in der Stadt. Eintritt frei.
Eiernest
Wer denkt, Stuttgart-Süd besteht nur aus Marienplatz, Aperol und Tübinger Straße, war noch nie im Eiernest. Oberhalb des Marienhospitals versteckt sich eine der ungewöhnlichsten Ecken der Stadt: 176 kleine Reihenhäuser, enge Wege, grüne Fensterläden und fast ein bisschen Bullerbü-Gefühl mitten im Kessel. Die Siedlung entstand in den 1920er-Jahren als sozialer Wohnungsbau und orientierte sich damals an der Idee der englischen Gartenstadt. Eigentlich nur als Übergangslösung geplant. Heute steht das ganze Ensemble unter Denkmalschutz.
Schimmelhüttenweg
„Oh Bella Vita“ nur halt in Stuttgart-Süd. Hinter dem Marienhospital startet einer der unterschätztesten Spaziergänge der Stadt. Weinberge, Schrebergärten, Trockenmauern und Aussicht sorgen unterwegs für überraschend viel Italien-Gefühl mitten im Kessel. Wer oben an der Leonorenstraße ankommt, wird mit Blick über den Süden belohnt.
Foto: STUGGI.TV













