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Stuttgart heute

Gen Z und Politik: Gefährlicher Mob oder ungehörter Frust?

Anna-Marie Hefler Veröffentlicht am 28. Oktober 2026
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Am 31. Oktober will die Initiative „Gen Z regelt“ auch in Stuttgart auf die Straße gehen. Während Politik und Medien vor allem über drohende Ausschreitungen diskutieren, zeigen Jugendstudien und Erfahrungen aus der Praxis: Der politische Frust der jungen Generation sitzt tief. 

Zwischen Sicherheitsbedenken und Zukunftsangst

Mitentscheiden, wie die eigene Zukunft aussieht: Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, von der sich die Initiative „Gen Z regelt“ jedoch weit entfernt sieht. „Wohin wir auch schauen, sehen wir Krisen und kaum eine Perspektive für uns“, schreibt das Bündnis im eigenen Positionspapier und ruft in Anlehnung an europäische Jugendproteste für den 31. Oktober zu Demonstrationen auf.

Doch statt über Inhalte zu sprechen, verengt sich die Debatte, so scheint es, zunehmend auf Sicherheitsfragen. Auf Instagram mobilisieren Videos aus Frankreich mit Rauch, Vermummten und Pyrotechnik. Angesichts tausender Online-Zusagen für die Stuttgarter Demo reagierte die Politik rasch und scharf: Während Innenminister Manuel Hagel warnte, der Südwesten sei kein Pflaster für einen „gewaltbereiten Mob“, brachte die CDU-Gemeinderatsfraktion bereits ein Versammlungsverbot ins Gespräch.

Die Anliegen drohen unterzugehen

Beim Fachbereich Demokratiebildung des Stadtjugendrings Stuttgart sieht man diese Entwicklung mit Sorge. „Ich finde es sehr problematisch, dass die bevorstehenden Proteste gleich mit Gewalt assoziiert werden und darüber schon präventiv z.B. von Seiten der CDU im Stuttgarter Gemeinderat gefordert wird, die Demonstration zu verbieten, also das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit einzuschränken […]”, das begründet die Bildungsreferentin, Friederike Hartl auch damit, dass die Stadt nach ihrem Kenntnisstand vom 26. Oktober keinen Anlass für ein Verbot sah. 

Auch die Berichterstattung über die französische Protestbewegung und Einordnung als „islamistisch und linksextrem“ sei zu einseitig. „Dort gehen Menschen auf die Straße, die reale Probleme anprangern.” Hartl kritisiert, dass Gewalt in der Darstellung sehr viel Raum einnehme, „die gleichzeitig stattfindenden massenhaften friedlichen Proteste dabei aber weitestgehend untergehen“. Die Folge sei, dass sich kaum mit der Legitimität der Anliegen auseinandergesetzt werde.

Während der Stadtjugendring Gewalt auf allen Seiten klar ablehnt, macht er deutlich, dass es im Interesse aller sein sollte eine deeskalierende Haltung einzunehmen: Statt Proteste vorab pauschal negativ zu besetzen, müsse gemeinsam dafür gesorgt werden, dass friedlicher Protest möglich ist.
Schließlich kommt der Unmut der jungen Generation nicht aus heiterem Himmel.

Vertrauensverlust in Zahlen: Demokratie ja. Vertrauen in Politik eher weniger.

Dass der Frust vieler Jugendlicher tiefer sitzt als ein bloßer Social-Media-Trend, belegen Studien seit Jahren eindrücklich:

  • Massiver Vertrauensverlust: Laut der Jugendstudie Baden-Württemberg 2024 haben 57 Prozent der befragten Jugendlichen wenig oder gar kein Vertrauen in Politiker:innen. Zwei Jahre zuvor lag dieser Wert noch bei 42 Prozent. Ein Anstieg um 15 Prozentpunkte. Politischen Parteien vertrauen sogar lediglich 6 Prozent voll oder eher.
  • Enttäuschung über die Praxis: Die Abkehr von der Politik bedeutet jedoch keine Abkehr von den Werten: Die Mehrheit der Jugendlichen befürwortet die Demokratie als Staatsform. Allerdings zeigen sich nur 27 Prozent der Schüler:innen zufrieden damit, wie die Demokratie in Deutschland derzeit konkret funktioniert. Dies ist eine deutliche Abnahme im Vergleich zur Jugendstudie Baden-Württemberg 2022, wo knapp die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler äußerst oder eher zufrieden mit der Demokratie in Deutschland war.
  • Gefühl von Ignoranz: Bereits die 2023 veröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Krisenerwachsen” offenbart, dass nur jede:r Fünfte der 16- bis 30-Jährigen Wahlberechtigten glaubt, dass die Politik die Sorgen junger Menschen ernst nimmt. 70 Prozent hielten die Parteien für verschlossen gegenüber den Ideen der jüngeren Generation.

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung verglich 2025 mehrere Studien miteinander. Es zeigte sich eine bemerkenswerte Resilienz: Trotz multipler Krisen entwickeln junge Menschen pragmatische Bewältigungsstrategien und fordern mehr Gehör in politischen Entscheidungsprozessen. Gleichzeitig zweifeln viele daran, selbst Einfluss nehmen zu können.

Alltagsfrust und fehlende Räume

Friederike Hartl begegnet dieser Frust auch in der Praxis: „Junge Menschen haben immer mehr das Gefühl, dass die Themen, die sie und ihre Zukunft betreffen, wenig bis keine Priorität bei politischen Entscheidungsträger:innen haben.“ Das zeige sich keineswegs nur bei großen Themen, sondern bei ganz konkreten Problemen vor der eigenen Haustür.

Oft seien es schlicht fehlende Orte im eigenen Stadtteil. Vielen Jugendlichen fehlen Räume, in denen sie ohne Konsumzwang Zeit miteinander verbringen können. Und an den Orten, die es gibt, würden sie häufig „als randalierend, verschmutzend” oder „störend” wahrgenommen.

Einsparungen treffen die Demokratiearbeit direkt

Wie echte Mitgestaltung gelingen kann, zeigen vom Stadtjugendring mitorganisierte Jugendforen: Hier können junge Menschen Wünsche äußern und an politische Entscheidungsträger:innen herantragen. In Stuttgart-Vaihingen entstanden dadurch ein Film- und Zockerraum, neue Freizeitangebote und ein geplanter kostenloser Fitnessraum.

Doch was fehlt, damit sich noch mehr junge Menschen in Stuttgart gehört fühlen? Der Stuttgarter Jugendrat sei zwar ein gutes Instrument, reiche alleine aber nicht aus. Es brauche eine Vielfalt an Beteiligungsmöglichkeiten. „Niederschwellige, hürdenarme Angebote fehlen hier am meisten”, so Johanna Kosinski, Bildungsreferentin im Fachbereich Jugendpolitik des Stadtjugendrings. Damit solche Selbstwirksamkeitserfahrungen kein Einzelfall bleiben, braucht es tragfähige Strukturen. Denn auch wenn es bei den bundesweiten Protesten oft um die große Politik in Berlin geht. Ob junge Menschen Vertrauen in demokratische Prozesse entwickeln, entscheidet sich auch vor Ort.

Doch ausgerechnet hier greifen die städtischen Sparmaßnahmen: Die 2025 noch kommunal geförderte Partnerschaft für Demokratie (PfD) erhielt keine neue Finanzierung. Damit sei die gesamte Netzwerkarbeit, etwa die Förderung ehrenamtlicher Demokratieprojekte, Initiativen oder Aktionen gegen Rassismus, „finanziell und personell nicht mehr möglich“, so Hartl. Die Folgen sieht sie kritisch: „Die Kürzungen in der Jugendhilfe schwächen Strukturen, die notwendig sind, um möglichst vielen (jungen) Menschen ein gutes und sicheres Leben und die (demokratische) Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen.“

Der Protest ist also auch das Symptom eines gewachsenen Vertrauensverlusts. Demokratie ist kein abstraktes Konstrukt, das nur im Bundestag stattfindet, sondern beginnt im eigenen Stadtteil.


Foto: STUGGI.TV




Redakteurin

Anna-Marie Hefler

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