Eine Gebrauchsanweisung für Stuttgart-Ost: Sag mir wo du wohnst und ich sag dir wer du bist
Wir verraten dir, was deine Postleitzahl wirklich über dich aussagt und wo du die besten Ecken deiner Nachbarschaft entdeckst. Eine nicht ganz klischeefreie Gebrauchsanweisung für Stuttgart Ost.
Was dein Stadtteil über dich verrät
Stuttgart fühlt sich oft weniger wie eine klassische Großstadt an. Dafür ist der Kessel viel zu kleinteilig. Stattdessen wirkt die Stadt eher wie ein Zusammenschluss vieler kleiner Paralleluniversen, die sich zufällig dieselben U-Bahn-Linien teilen. Denn tatsächlich hat fast jeder Stadtteil hier seinen ganz eigenen Charakter. Und die Menschen identifizieren sich erstaunlich stark damit.
Wer in Stuttgart fragt: „Und, wo wohnst du eigentlich?“ meint oft auch ein bisschen: „Ah okay. Was für ein Mensch bist du also?“
Natürlich sind das alles Klischees. Aber wie bei jedem guten Klischee steckt eben auch ein kleines bisschen Wahrheit drin.
Der Osten
„Eigentlich ist es hier viel schöner, als alle denken.“ So oder so ähnlich klingt die Standard-Rechtfertigung von Menschen, die im Osten wohnen. Wenn du hier lebst, hast du diesen Satz garantiert schon mindestens zwanzig Mal gesagt. Meistens ungefragt und mit einem leicht trotzigen Unterton, während dein Gegenüber dich mitleidig anschaut, weil du nicht im Westen wohnst.
Aber ganz ehrlich: Unrecht hast du nicht. Wer den Osten nur aus dem U-Bahn-Fenster kennt, sieht vor allem Verkehr, Industrie, den Neckar und irgendwann das Stadion. Nicht unbedingt die Postkarten-Version von Ost. Wer hier lebt, weiß dagegen: Kaum ein Bezirk wechselt so oft sein Gesicht. Der Osten ist ein absolutes Chamäleon. Zwischen alten Arbeiterhäusern rund um den Ostendplatz, dörflichem Gablenberg und den Villenlagen an der Gänsheide liegen oft nur wenige Minuten Fußweg. Hier prallt die industrielle Vergangenheit in Form des riesigen Gaskessels direkt auf idyllische Weinberge am Frauenkopf.
Man hat das Gefühl alles ist weniger geschniegelt, weniger durchgentrifiziert und genau deshalb inzwischen plötzlich wieder ziemlich gefragt. Und während im Süden kuratierte Vintage-Stores eröffnen, findet man hier noch die Art von Secondhandläden, in denen man tatsächlich wühlen muss, und am Ende die besseren Funde macht. Eigentlich die perfekte Analogie für den ganzen Stadtteil.
Das absolute Epizentrum im Sommer ist das Mineralbad Berg. Das „Berg“ ist weniger ein Schwimmbad als ein gesellschaftliches Ereignis. Hier wird geschwommen, getrunken und sehr aufmerksam beobachtet, wer sonst noch da ist. Wer lange genug bleibt, trifft garantiert jemanden, den er kennt. Oder zumindest jemanden, über den jemand anderes etwas weiß.
Typisch Ost ist außerdem die ewige, sehnsüchtige Beziehung zum Neckar. Pünktlich zum Sommerbeginn beschwert sich hier gefühlt jede:r darüber, dass man „aus dem Fluss viel mehr machen müsste“. Mehr Gastro, mehr Liegeflächen, irgendwas. Passieren tut meistens nichts.
Und ja, zum Feiern muss man zwar ab und zu den etwas nervigen Weg Richtung Fridas Pier oder Sunny High antreten und quasi aus der Stadt rausfahren aber dafür fliegen hier beim Nachhauseweg im Morgengrauen, mit etwas Glück, echte, grüne Papageien über die Dächer.
Unsere Tipps aus der Redaktion
Villa Berg Park
Das ist im Osten zwar längst kein Geheimtipp mehr, aber der Park ist es einfach jedes Mal aufs Neue wert. Während im Sommer in der Stadt, um jeden freien Quadratmeter Wiese gekämpft wird, findet man rund um die geschichtsträchtige Villa selbst an heißen Tagen immer noch ein entspanntes, schattiges Plätzchen unter alten Bäumen.
Schlampazius
Wer wissen will, wie der Osten ungefiltert schmeckt, kommt an dieser absoluten Kult-Kneipe nicht vorbei. Das Schlampazius ist herrlich unangepasst, seit Jahrzehnten das zweite Wohnzimmer des Viertels und ein Treffpunkt für wirklich jede Altersklasse und Gesellschaftsschicht. Zwischen schrammeligem Holz-Interieur und ehrlichen Kaltgetränken geht man hier nicht nach Hause, ohne die berühmten Essiggürkchen probiert zu haben.
Museum am Löwentor / Naturkundemuseum
Ja, okay, genau genommen kratzt das Museum am Löwentor vielleicht an der Grenze zu Stuttgart-Ost. Aber weil es von Berg quasi nur ein Katzensprung entfernt ist, drücken wir ein Auge zu und erklären es hiermit zum Ost-Kulturgut. Warum? Weil hier die Dinosaurier wohnen! Wer vergessen hat, wie es sich anfühlt, mit großen Augen voller Staunen durch eine Ausstellung zu laufen, muss genau hierher. Zwischen riesigen Skeletten, Fossilien und Urzeit-Modellen verwandelt man sich innerhalb von fünf Minuten wieder in ein zehnjähriges Kind, und das macht so richtig Spaß.














