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Wenn Sicherheit zur Verhandlungssache wird: Die Debatte um die Wasenboje

Anna-Marie Hefler Veröffentlicht am 1. April 2026
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Auf dem Cannstatter Wasen hilft die sogenannte Wasenboje Frauen und Mädchen in Notlagen. Doch ausgerechnet dieses Angebot steht nun politisch wieder zur Debatte. Die CDU fordert eine Prüfung von Kosten, Nutzung und Wirksamkeit. Andere Fraktionen halten genau das für das Problem. Worum es in dem Streit wirklich geht.

Der Cannstatter Wasen gilt als Ort der Ausgelassenheit. Zweimal im Jahr feiern hier Millionen Menschen. Doch was für viele – vor allem Männer – unbeschwert wirkt, kann für Frauen und Mädchen schnell kippen.

Ein “Safer Space” auf dem Wasen

Menschen drängen sich vor den Bierzelten, viele sind stark alkoholisiert. Wer hier den Anschluss an die eigene Gruppe verliert, steht schnell allein da. Und allein zu sein bedeutet auf dem Wasen für Frauen nicht nur, kurz orientierungslos zu sein, sondern potenziell gefährdet. Seit Herbst 2023 gibt es auf dem Gelände einen Ort für genau solche Fälle: die Wasenboje. Ein Container, besetzt mit geschultem Personal, an den sich Frauen und Mädchen wenden können. Bei Belästigung, Orientierungslosigkeit oder wenn sie schlicht Hilfe brauchen. Ein sogenannter “Safer Space”.

Die Bandbreite der Fälle reicht von verlorenen Freundinnen, leeren Handys oder Unsicherheiten beim Heimweg – bis hin zu Belästigung und sexualisierter Gewalt. Dass solche Situationen keine Einzelfälle sind, ist zuletzt stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt.

Sicheres Feiern? Für viele Frauen nach wie vor keine Selbstverständlichkeit

Die Wasenboje ist damit auch eine Reaktion auf ein strukturelles Problem: Gewalt gegen Frauen nimmt zu, und gerade in großen Menschenmengen unter Alkoholeinfluss entstehen Situationen, in denen klassische Sicherheitsstrukturen nicht immer greifen. Das Projekt verfolgt neben akuter Hilfe deshalb vor allem zwei weitere Ziele: Prävention und Sichtbarkeit. Es soll nicht nur unterstützen, wenn etwas passiert ist, sondern auch verhindern, dass Situationen eskalieren und sichtbar machen, dass geschlechtsspezifische-sexualisierte- Belästigung ein Teil der Realität solcher Veranstaltungen ist.

Die Nachfrage nach dem Angebot ist gestiegen. Zwischen 2023 und 2025 haben sich die Anfragen laut Projektangaben etwa verdoppelt. Insgesamt gab es seit der Einführung mehr als tausend Kontakte mit Betroffenen, darunter auch kritische Fälle im Zusammenhang mit K.O.-Tropfen sowie körperlicher und sexualisierter Gewalt.

Sparmaßnahmen statt Schutzräume?

Gleichzeitig steht die Wasenboje im Zuge der städtischen Sparmaßnahmen politisch unter Druck. Zwar ist aktuell geplant, das Angebot bis 2027 fortzuführen, die dafür vorgesehenen Mittel wurden jedoch im Rahmen der Haushaltsberatungen bereits von bislang rund 100.000 Euro auf etwa 80.000 Euro gekürzt. Damit galt das Angebot eigentlich als gesichert – umso auffälliger ist es, dass es nun erneut zur politischen Debatte steht.

Die CDU-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat fordert Anfang März eine umfangreiche Prüfung von Kosten, Nutzung und Wirksamkeit. Während sie dies als legitime Haushaltskontrolle darstellt, reagieren andere Fraktionen, wie die Linke SÖS Plus deutlich kritischer: “Wir sehen darin eine fatale Signalwirkung an alle Frauen* und Mädchen*, ihren Schutz wieder einmal nicht erst genug zu nehmen, als das ein etabliertes Projekt weitergeführt wird.”

Brisanz erhält die Diskussion auch durch einen vorausgegangenen Konflikt: Die CDU hatte zuvor versucht, höhere Kosten für Festwirte zu verhindern und war damit gescheitert. Ob der aktuelle Antrag auch vor diesem Hintergrund zu verstehen ist, lässt sich nicht belegen. Gleichwohl wird er in der öffentlichen Debatte bereits als mögliche “Retourkutsche” eingeordnet.

Die CDU fordert eine Prüfung

Für die CDU-Fraktion steht mit ihrem Antrag vor allem eine zentrale Frage im Mittelpunkt: Wird das Angebot in seiner aktuellen Form tatsächlich so genutzt wie vorgesehen und ist der Mitteleinsatz gerechtfertigt? Konkret fordert sie eine Aufschlüsselung der gemeldeten Fälle nach Kategorien, einschließlich einer klaren Definition dessen, was als „kritischer Fall“ gilt. Zudem soll dargestellt werden, in wie vielen Fällen Polizei, Rettungsdienste oder andere Stellen einbezogen wurden. Auch eine Anpassung der Öffnungszeiten wird ins Spiel gebracht, etwa eine Reduzierung in weniger frequentierten Zeiten.

Auf Anfrage unserer Redaktion teilt die Fraktion mit, es sei notwendig, städtische Angebote regelmäßig zu evaluieren, um einen “verantwortungsvollen Umgang mit Steuergeldern” sicherzustellen. Der Schutz vor Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen sei zwar “nicht verhandelbar”. Entscheidend sei jedoch, dass Maßnahmen im Ernstfall tatsächlich erreicht und genutzt würden.

Interessant ist dabei die Gewichtung: Im Zentrum stehen Nutzung und Effizienz, während präventive Aspekte in der Argumentation eine untergeordnete Rolle spielen. Digitale Lösungen, wie sogenannte “Safe-Apps” werden als mögliche Ergänzung und perspektivisch auch als Ersatz für die Wasenboje genannt. Die grundlegende Annahme dahinter: Sicherheit wird vor allem über funktionierende Hilfe im Ernstfall organisiert.

Die Gegenposition: Sicherheit ist mehr als ein Kostenpunkt

Kritik kommt unter anderem von der Fraktionsgemeinschaft Die Linke SÖS Plus. Für sie greift dieser Ansatz deutlich zu kurz. “Ein starkes Sicherheitskonzept muss betrachten, was für Betroffene auch wirklich hilfreich ist”, heißt es von der Fraktion. Studien zeigten deutlich, dass sich viele Betroffene sexualisierter Gewalt nicht an Polizei oder Sicherheitskräfte wenden, aus Angst, nicht ernst genommen zu werden oder negative Erfahrungen zu machen. Genau hier setze die Wasenboje an: als niedrigschwelliger Schutzraum, der unabhängig von klassischen Sicherheitsstrukturen funktioniert. Die dort erfassten Fälle würden systematisch dokumentiert und regelmäßig ausgewertet. Vor diesem Hintergrund sei es aus ihrer Sicht nicht nachvollziehbar, das Angebot erneut zur Diskussion zu stellen. Stattdessen müsse die Wasenboje langfristig gesichert werden.

Auch die Diskussion um digitale Alternativen sieht die Linke SÖS Plus differenziert. Eine App könne das Angebot allenfalls ergänzen. In ihrem Antrag plädiert die Fraktion daher dafür, die Wasenboje in solche digitalen Lösungen einzubinden. Diese könnten den Zugang zu Hilfe erleichtern – einen physischen Ort, an dem Betroffene Unterstützung finden und zur Ruhe kommen können, jedoch nicht ersetzen.

“Eine Beendigung der Wasenboje würde einen massiven Rückschritt bedeuten und Frauen* und Mädchen* im Stich lassen”, so die Fraktion.

Die CDU reagiert auf die Kritik zurückhaltend. Auf Nachfrage, wie sie den Antrag der Linken SÖS Plus bewertet, erklärt sie lediglich, man beschäftige sich nicht mit “Initiativen von den extremen Rändern des Gemeinderats“.

Worum es wirklich geht

In der Debatte geht es also längst nicht mehr nur um ein einzelnes Projekt. Im Kern steht die Frage, welches Verständnis von Sicherheit wir zugrunde legen – und ob sich dieses vor allem an Effizienz und Kosten bemessen lassen sollte. Zugleich wird deutlich: Die Auseinandersetzung ist Teil eines politischen Schlagabtauschs geworden, in dem ausgerechnet die Sicherheit von Frauen und Mädchen ins Schussfeld geraten ist.


Foto: STUGGI.TV




Redakteurin

Anna-Marie Hefler

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